
Von meiner Geburt (am 29. April 1921 in Neuburgweier/Baden) „weiß" ich leider nichts und ebenso wenig von meinem vorgeburtlichen Leben; aber darin fühle ich mich sicher, dass die Daseinswurzeln woanders sind, und dass meine Mutter mich vom ersten Augenblick an, da sie um mich wusste, geliebt hat. Dieser Embryo war zwar noch nicht das entwickelte Ich, aber doch dessen Werdestufe, aus der gar nichts anderes als meine Person hervorgehen konnte, nicht ein Affe und nicht irgendwer, sondern eben nur ich. (Der Embryonalzustand ist mit dem ihm folgenden Leben identisch. Ihn abtrennen und abwerten heißt sich wohl selbst als Mensch disqualifizieren, und zwar an der Schaltstelle, die völlig wehrlos und deshalb schutzbedürftig ist). Von den ersten drei Jahren nach der Geburt weiß ich genau so wenig, und doch gelten sie allgemein als „Leben". Wieso eigentlich? Ist nicht der Planungszustand eines Gebäudes - in anderer Form- schon das Gebäude selbst?
Meine Eltern waren arm. Mein Vater war ein kleiner, fast besitzloser Landwirt, meine Kindheit von Not und härtester Arbeit nicht verschont. Aber ich kann sagen, trotzdem war sie glücklich. Das Dorf- unmittelbar am Oberrhein, mit der Kette der Schwarz-waldberge im Südosten - bildete einen Rahmen, der zumindest an der Stromseite offen war zur Welt: Die Schiffe, die auf dem Rhein vorbeifuhren, trugen holländische, belgische, französische, schweizerische und deutsche Flaggen und abenteuerliche Namen. Der kleine Ort bot also Erwartungen und Geheimnisse, deren Geschmack mir bis heute nicht vergangen ist.
Die ersten 30 Jahre waren Grundlegung: Kindheit, Dorfschule, städtisches Gymnasium, Kriegsdienst mit Gefangenschaft, dann Studium der Philosophie und Theologie (bereits mit Ausübung der Malerei), schließlich der Malerei selbst, zuletzt bei Erich Heckel an der Akademie Karlsruhe. Das sind die Stationen eines Spätzünders.
Schon der Kriegsdienst (1941-1946), anfänglich in Russland, dann in Frankreich, brachte erlösende und bis heute nachwirkende Erlebnisse, die vor allem die jeweilige Landschaft betreffen: In Russland der große dramatische Himmel über einer zwar vom Krieg misshandelten, aber doch unendlich geduldigen und gütigen Erde, in Frankreich das Licht einer cartesianisch gegliederten, durchsichtig gemachten Landschaft (Ile de France und Lothringen), die für mich wie von selbst Malerei oder doch das Verlangen danach wurde.
Mein „Ort" sowohl geographisch wie geistig ist der Oberrhein. Dieses zentraleuropäische Becken, seit Jahrtausenden Durchzugs- und Kreuzungsraum der jeweiligen Mächte, ist bei gelassenem Selbstbewusstsein - obwohl Grenzland - immer offen geblieben zur Welt, ohne deshalb seinen Charakter einzubüßen. Das römisch-urbane Element blieb in der alemannisch-fränkischen Eigenart neben den vorherrschenden Stammesmerkmalen bis heute spürbar. Die kleine Kirche meines Heimatdorfes ist der heiligen Ursula geweiht, und auf dem Altar standen bäuerliche Barockfiguren Ludwigs IX. von Frankreich, in der rechten Hand die Dornenkrone, und der Johanna von Orléans. Ich fand darin schon früh das Bedeutungskreuz der Nord-Süd- und Ost-West-Linien: Basel und Köln, die Stationen der Ursula-Legende, waren sehr frühe. Fast noch kindliche Eroberungen, und in Frankreich fühlte ich mich weniger im Ausland als eben beim Nachbarn, wo ich echte Freunde finden sollte. Hinzu kommt die Tradition der oberrheinischen Kunst mit Namen wie Schongauer, Witz, Grünewald, Baldung Grien und einigen nicht unbedeutenden Malern des 19. Jahrhunderts, die vor allem mit Karlsruhe verbunden sind wie Trübner, Thoma oder Würtenberger.
Von den Reisen waren diejenigen nach Skandinavien (1954 und 1965) und in den Vorderen Orient von Wichtigkeit für meine Arbeit, die sich vor allem im Aquarell am Platz selbst und später niederschlug. Das Aquarell wurde im Verlauf von 20 Jahren zu meinem bevorzugten, ununterbrochen geübten Ausdrucksmittel neben der Zeichnung, und ich weiß mich auf dem Weg zu immer neuen Erfahrungen. Jährliche Ferien am Bodensee ließen mich seit zwei Jahrzehnten am selben Uferfleck Wasser, Luft und Wolken oder das Schweizer Ufer zu den verschiedenen Tageszeiten als unerschöpflichen Brunnen optischer Erlebnisse studieren.
Seit einigen Jahren kam die Entdeckung der Blumen hinzu, und als etwas nie zu Ergründendes, aber ständige Aufforderung das menschliche Bildnis. Es nahm die Arbeit der letzten fünf Jahre fast ausschließlich in Anspruch, ohne dass ein Ende abzusehen wäre. Die Vielfalt der uns überall, besonders in der übervölkerten Bundesrepublik umgebenden Menschen und ihre Physiognomien ist mir das interessanteste Kino. Das Hässliche in Gestalt und Gesicht steht dabei weitgehend im umgekehrten Verhältnis zum Wert der Kleidung, ähnlich wie ein fast dämonischer Lebenshunger zum Ausdruck des Abgelebten und des Ekels. Aber ist so ein Gesicht deshalb weniger menschlich? Oder ist das Schöne deshalb weniger schön?
Ich möchte mit meinen Bildern nicht anklagen, denn ich gehöre selbst zu dieser Gesellschaft. Es geht mir um den Gebrauch der Augen und das Erkennen dessen, was ist! Die Schlüsse kann jeder selber ziehen.
Emil Wachter, 1973